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Zur unsichtbaren Kraft von Zukunftsbildern über das Arztsein

Erst mit der Überwindung des Mythos, die Digitalisierung des allgemeinen und speziellen Gesundheitsgeschehens seien Computerspiele, wäre etwas gewonnen.

Schon vor der Pandemie beschäftigte sich das Gesundheitssystem mit Krisenbekämpfung der eigenen toxisch-negativen Einstellung. Man geht nicht zu weit, das als systemische Phänomene zu beschreiben. Mittlerweile hat es dialektische Züge angenommen.

Wir sind übersatt und können keine Narrative zum Innovieren nicht mehr hören. Solche Erzählungen drehen sich meist um die Digitalisierung des Gesundheitsgeschehens. Wie eine Urkraft soll Digitalisierung dabei helfen, dass Medizin anders funktioniert, wir unser persönliches Gesundheitsmanagement neu aufstellen oder Krankheiten gleich ganz überwunden werden. Doch unterbewusst hören wir längst den Dreiklang.

https://twitter.com/betablogr/status/1496187466612682758?s=20&t=5fdMS9Mim5qUN3LpVBseRA

Digitalisierung ist nur der Anfang eines Prozesses, der Digitalität als Haltung einfordert, ohne es mit der Weltverbesserung zu übertreiben und im Wesen des Digitalismus zu scheitern.

Im Gegensatz zu den lebenswirklichen Erfahrungen in einer ganz normalen Hausarztpraxis kollidieren die Zukunftsbilder zur Digitalisierung mit einer nicht so recht in die Wirklichkeit passenden Wahrnehmung der betroffenen Praxisinhaber. Anders ist es nicht zu erklären, dass Funktionäre die politisch motivierten, digitalen Infrastrukturoffensiven rund um die Elektronische Patientenakte (ePA), Elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) oder dem E-Rezept im letzten Sommer als Computerspiele zulasten der Lebenswirklichkeit diskreditierten.

Zukunft ist nur ein Konstrukt, oder?

Streng genommen entwickelte sich der Zukunftsbegriff zuletzt zur Scheinideologie. Zukunft erscheint nicht nur Ärztinnen und Ärzten mittlerweile wie eine Bedrohung. Zukunft ist längst keine Metapher für ‘demnächst sehr wahrscheinlich anders’. Zukunftsbilder wirken zunehmend bedrohlich und stellen unser Jetzt-Hier-Ich infrage. Während der eine die Zukunft kaum erwarten kann, will die andere sich am liebsten gleich verkriechen. Ein unheilsames Maß an Lethargie hat sich eingestellt. Man weiß gar nicht mehr so recht, was zu tun ist. Dabei entsteht Zukunft ohne unser Zutun und verschließt sich jedem Wahn nach Kontrolle. Zumindest auf den großen Resonanzachsen. Die Folge nennt sich Ohnmacht.

Zukunft ist etwas, das wir uns vorstellen. Ergo ein Konstrukt. Eine gesunde Kritik an dieser Form des Konstruktivismus ist berechtigt. Denn die Bilder, die man uns einpflanzen will, sprechen eine andere Sprache als jene, die unserem unmittelbaren Erfahrung und Denken entsprechen. Unsere je eigene Wirklichkeit konkurriert mit gedanklichen Vorstellungen zur Gestaltung einer Realität, wie es uns die Erzählungen verkaufen wollen. Ja, verkaufen ist hier das richtige Wort. Den Wettbewerb um die besten Zukunftsideen müssen wir in Rechnung stellen und wissen nicht wie. So erleben wir kollektiv in der Gegenwart ein Ausmaß kognitiver Dissonanz, das beispiellos in der Geschichte der Menschheit sein dürfte. Wir bleiben überfordert und gereizt. Ein Dauerzustand, dem sich kaum jemand entziehen kann. Wir leiden an einem ganz subjektiven Klimawandel unseres Resonanzvermögens. Unsere unmittelbaren Erfahrungen wollen nicht mehr so recht zur Zukunft passen.

Zudem müssen wir mit zwei diametral zueinander stehenden Zukunftsszenarien klarkommen. Die einen prophezeien den Weltuntergang. Die anderen postulieren Mythen zur Zukunft der Menschheit, deren Wunschdenken bis in den Transhumanismus hineinreichen. Wir bleiben auf der Strecke, wollten wir versuchen, einen positivistischen Weg der Verwirklichung dieser Traumbilder denken.

Aufklärung und Mythos

Mythen jedoch waren immer schon die Grundierung, auf der Menschen sich getroffen haben, um gemeinsam die Zukunft zu malen. Und so gegensätzlich das zur Aufklärung stehen mag. Schon der Mythos war Aufklärung. Wenn Thor den Hammer warf, weil man sich so zum Donnerhall eines aufziehenden Gewitters einfacher verhalten konnte, war das schon Aufklärung. Die spätere Überwindung des Mythos durch vielleicht naturwissenschaftliche Erkenntnisse über das Verhalten von Schall nach Einschlag eines Blitzes, nennt man dann Aufklärung. Aufklärung ist eine Lichtmetapher und eine berühmte Epoche in der Geschichte ist wohl die Befreiung des Menschen aus selbst verschuldeter Unmündigkeit. Wir haben nur vergessen, dass diese Epoche niemals endet, sondern die Spirale der Aufklärung nur erkannt wurde. Schließlich folgten auf Kant noch zwei Weltkriege und der Holocaust. Es geht immer weiter ins Helle und dort, wo Aufklärung scheitert, muss das Scheitern in Rechnung gestellt werden. Nur so kann es weitergehen.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, rief Altkanzler Helmut Schmidt einst in Richtung Willy Brandt, und zu all jenen, die er verzweifelt mit Visionen beschäftigt sah, um Leid durch Hoffnung zu ersetzen. Dabei hat sein analytischer Verstand uns so häufig Hoffnung gemacht. Wer ernsthaft glaubt, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten eines Tages ohne eine besondere Art visionärer Hoffnungen hätten überwunden werden können, scheitert mit sich, der Menschheit und allemal mit der Welt, wie sie ihm erscheint. Denn Visionen sind Räume für diskursive Auseinandersetzungen, wie es denn demnächst werden darf und noch kein Mythos an sich.

Futures Literacy

Einen kompetenten Umgang mit Zukunftsbildern sucht die UNESCO in ihrem Labor Futures Literacy und zeigt sich engagiert, mit Botschaftern, gute Vorstellungen zur Zukunft zu fördern.

It is the skill that allows people to better understand the role of the future in what they see and do. Being futures literate empowers the imagination, enhances our ability to prepare, recover and invent as changes occur.

Bildwerke, zu denen Erzählungen natürlich auch gehören, haben uns Menschen schon immer begleitet. Über Jahrhunderte hinweg haben wir Abbildungen von Heiligen als Symbole genutzt. Abbilder von Menschen, die Besonderes geleistet haben, sind bis heute allgegenwärtig. Nicht nur im religiösen Kontext. Auch als Büste namhafter Wissenschaftler erkennen wir sie oder denken wir nur an die Galionsfigur der Meerjungfrau, die dem Schiff voraus am Bugspriet befestigt vor Unglück schützen soll. Diese Symbole begegnen uns in den Erzählungen, die wir Visionen nennen.

Die Symbolwirkung des Narrativen

Jedes Start-up einer Digitalen Gesundheitsanwendung trägt sein Narrativ als Galionsfigur vor sich her, um in Pitches zu punkten oder schlicht deshalb, selbst den eingeschlagenen Kurs nicht aus den Augen zu verlieren. Erzählungen führten uns in Urzeiten zum Wasserloch. Fanden wir Wasser, konnte man von Wahrheit sprechen. Jeder will die Wahrheit finden und in Zeiten der Verunsicherungen, eher häufiger als weniger.

In diesem Wettlauf kommt es jedoch zu einer fast inflationären Verwendung von Zukunftsbildern, die in ihrer Diversität kaum mehr leisten, als zusätzliche Irritation zu stiften. Denn so unterschiedlich die Narrative sein dürfen. Gut wäre, wenn wir in allem einen gemeinsamen Wesenskern erkennen könnten. Jene Narrative, die uns eine digitale Gesundheit versprechen, sind es wohl nicht. Denn Gesundheit wird nicht digital. Der übereifrige Reduktionismus, das Heil allen Übels rund um Krankheit läge in den Gesundheitsdaten, beschreibt weder Krankheit vollständig noch lässt eine Künstliche Intelligenz allein, Gesundheit gelingen.

Was all den Geschichten abzugewinnen ist, die eine Erzählung zur Digitalisierung des Gesundheitsgeschehens anbieten, ist vielmehr das, was man als positive Haltung gegenüber einem sich vollziehenden Wandel verstehen kann. Es ist der Mut, einem evolutionär antagonistischen Konzept Gesundheit versus Krankheit digital zu begegnen, ist fast überall erkennbar. Die Über-uns-Seiten der Hersteller digitaler Gesundheitsanwendungen sind voll mit diesem Willen zur Gestaltung. Währenddessen in den Stuben der Gesundheitseinrichtungen schwarz gemalt wird, weil man sich mit dieser besonderen Sicht auf das Kommende nicht abfinden will.

Die gute Nachricht allerdings ist, dass Erzählung wie einst die Vorstellung von einer Reise zum Mond oder heute über bemannte Marsmissionen ihre Wirkung nicht verfehlen. Wir glauben das unterbewusst und halten eintreffende Zukunftsperspektiven schneller als wir manchmal glauben für Realität. Auch, wenn noch nichts passiert ist. Dann flüstert es in uns: Ganz sicher, eines Tages, vielleicht erlebe ich es nicht mehr.

Was wir immer wieder aktiv visualisieren, verändert uns und unsere Einstellung gegenüber den Dingen, die wir uns vorstellen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

So klingt es, wenn wir uns dem Gedanken intentional bewusst zuwenden und anerkennen müssen, dass es nicht ausgeschlossen werden kann.

Benötigen wir noch Ärzte?

Genau so funktioniert das mit Konzepten, die Krankheiten durch künstliche Intelligenz überwinden oder Nano-Roboter, die einen Tumor mit einem Wirkstoff versorgen, weil der sich in unserem Körper aufgrund geeigneter Parameter besser auskennt als jedes Symptom uns weismachen könnte. Es ist heute ansatzweise schon Realität. Als aktuelle empfehlenswerte Literatur kann das Buch Systembiologie von Dr. Peter Spork genannten werden. Seine Recherchen untermauern glaubwürdig das, was ihr Unterbewusstsein bereits zu wissen glaubt. Nach der Lektüre können sie gar nicht mehr anders, als die Entwicklung für wahr zu halten.

Doch bis es so weit ist, beginnt es auch weiterhin mit Symptomen, die wir in der Begegnung mit dem Arzt teilen. Manche erzählen, den Arzt brauchen wir bald nicht mehr und hier sollten wir Einspruch erheben. Nicht wegen eines Anflugs aus Anachronismus oder Konservatismus. Sondern deshalb, weil die menschliche Begegnung immer Teil des allgemeinen und speziellen Gesundheitsgeschehens war und zur Überwindung einer Krankheit mehr als die Erzählung eines technologischen Imperativs wirkt. Medizinische veranlasste Begegnungen werden digital umrahmt – vorwiegend medial – und deshalb sollten wir konkret von digitalen Begegnungen in Gesundheitsbeziehungen sprechen. Die schließen das analoge Event nicht aus.

Klar ist: Die Narrative, warum der Arzt als professionell am Gesundheitsgeschehen Beteiligter uns nicht verloren gehen sollte, fehlen. Sie sollten ja bestenfalls von Ärztinnen und Ärzten selbst erzählt werden. So wie Hersteller von Digitalen Gesundheitsanwendungen ihre Geschichte iterativ herunterbeten, sollten Ärztinnen und Ärzte sich Zeit nehmen, aktiv darüber nachzudenken, wie es besser werden könnte. Für sich, mit und für andere und für uns alle. Bei aller Lethargie und der Kommunikation über Krisen. Als Ärztin oder Arzt den eigenen Gestaltungswillen zu reaktivieren, müsste der Plan sein.

Zwar treffen Innovationen und Fortschritt immer von außen in einer Arztpraxis ein. Hübsch verpackt als technologischer Imperativ, politischer Zwang oder Bedürfnisanpassung bei Patient:innen. Doch zur Futures Literacy gehört ganz sicher auch, aktiv die Co-Kreation zu suchen. Selbst, wenn das Wartezimmer mal wieder voll ist. Oder gerade dann.

Ärztinnen und Ärzte der niedergelassenen Versorgung dürfen sicher sein, dass sie gebraucht werden. Die Frage ist, wo und mit welchem Rollenbild. Hier gilt es, Zukunftsbilder aus der Position des affektiven Betroffenseins zu entwickeln. Denn sonst erzählen andere die neuen Geschichten und in denen kommen Ärztinnen und Ärzte vielleicht nicht mehr vor. Und das wir dann Wirklichkeit. Man kann versuchen, das auszuhalten. Doch wenn es stimmt, dass Zukunftsbilder eine unsichtbare Kraft besitzen, die Wirklichkeit tatsächlich zu verändern, dann benötigen wir Ärztinnen und Ärzte, die dieses Zukunftsbewusstsein entwickeln und sich neu orientieren auf der Spirale der gesellschaftlichen Aufklärung. Erst mit der Überwindung des Mythos, die Digitalisierung des allgemeinen und speziellen Gesundheitsgeschehens seien Computerspiele, ist etwas gewonnen, das man kulturellen Fortschritt nennen möchte.

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betablogr

Die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel lässt die Gesundheitsbranche bedrohlich, unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen. Deshalb findet man Frank Stratmann im Netz unter dem Pseudonym betablogr.

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