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Symptomchecker: medial dezentralisierte Anamnese

Den anderen Ausreden lassen bleibt wichtig. Warum aber den kulturellen Zusammenstoß zweier Paradigmen als Streitthema zwischen Patient und Arzt ausmachen?

Verstehen Sie medial dezentralisierte Anamnese als Arbeitstitel. Wir werden das Thema im SMARTR.care Lab weiterbehandeln. Dieser Blogpost ist die Antwort auf einen Linkedin-Beitrag von heute und ich nutze das als Steilvorlage, um ein wichtiges Anliegen im Rahmen der sprechenden Medizin zu erörtern. Das Ausreden lassen. Gleichzeitig bietet sich eine rudimentäre Überlegung dazu, wie der Rhythmus zwischen Arzt und Patient sich mit medialer Dezentralisierung der Informationsbeschaffung sinnvoll verändern lässt.

Das Ausreden lassen als Problem

Mit Gerd Wirtz verbindet mich die gemeinsame Arbeit im Beirat der Healthcare Education GmbH. Er postuliert auf Linkedin, aus seiner Sicht sei es absolut falsch, dem Patienten ins Wort zu fallen. Das sehe ich auch so. Er verweist auf einen statistischen Wert, dass Ärzte ihre Patient:innen nach durchschnittlich 26 Sekunden unterbrechen. Wer das erhoben hat, ist aktuell nicht klar. Diese Kleinigkeit ist auch nicht wichtig für meine Argumentation.

Jemanden ausreden lassen, fällt zunächst einmal in das Feld des guten Benehmens. Etikette ist vertrauensbildend und niemand würde versäumen, Vertrauen in einer Gesundheitsbeziehung zwischen Patient und Arzt in Rechnung zu stellen. Ein verunsicherter Patient legt besonderen Wert, gesehen und gehört zu werden. Es ist also schwer, dagegen zu argumentieren. Ich versuche es trotzdem und folge damit einem Arzt, der Gerd Wirtz gegenüber genau das sagte:

Patienten kommen nie auf den Punkt. Es sei die Pflicht eines Arztes, den Patienten früh genug zu unterbrechen, um die richtigen und zielführenden Fragen zu stellen.

Spätestens jetzt bemerkt man, das Thema »ausreden lassen« oder sagen wir »ausreden dürfen beim Arzt« ist nicht trivial und einfach so auf Etikette zu reduzieren.

Der Symptomchecker als neuen Aktanten etablieren

Ich will das entlang eines Symptomcheckers erläutern. Vorausgesetzt, der Leser hat so etwas nicht benutzt, erläutere ich kurz, was dort passiert. Die meisten Systeme setzen auf die Funktion eines digitalen Chats. Das System stellt mir Fragen, ausgehend von dem Symptom oder der diffusen Beschwerde, die ich mithilfe der Software selbst eingrenzen kann. Anschließend wird man durch einen Parcours an Fragen gelotst. Das ist im engeren Sinne noch keine Künstliche Intelligenz, sondern lediglich eine konsequente Führung des Patienten, der innerhalb seiner Antworten einige Wendungen hinlegen kann, worauf sich der Fragenkatalog dynamisch anpasst. Jeder Versuch, dem System zu widersprechen, scheitert. Ich kann nur die App schließen und die Anamnese beenden. Daraufhin gibt mir der Symptomchecker Hinweise, die er im Abgleich mit der zugrunde liegenden Krankheit einer Kohorte, in die ich aufgrund der Beantwortung der Fragen falle, formuliert. Jeder Patientennutzer entscheidet dann selbstverantwortlich den nächsten Schritt.

Vielleicht merken schon einige, worauf ich aus bin. Auch der Arzt in Person prüft Symptome und versucht einzuordnen, worum es bei dem Patienten geht. Ein Symptomchecker ist um die Eigenschaft, ein Mensch zu sein, reduziert. Das macht ihn nicht minder wertvoll. Denn sein stoisches Wesen, sich nicht unterbrechen zu lassen, ermöglicht es ihm, Dinge aufzuspüren, die im Rahmen einer rein menschlichen Interaktion übersehen werden könnten.

Dem Arzt obliegt es, eine Diagnose zu stellen. Dem Symptomchecker nicht. Er lenkt und bietet lediglich Orientierung, was der Patient als Nächstes tun sollte. Dazu gehört vielleicht die Empfehlung, einen Arzt aufzusuchen. Der will heute im Prinzip nichts von den souveränen Entscheidungen, die der Patient zuvor unternommen hat, nichts wissen.

Das gute alte Arztgespräch umgekehrt gedacht

Das gute alte Arztgespräch gehört längst der Vergangenheit an. In einer Kultur der Gesundheitsgesellschaft dürfen wir davon ausgehen, dass die Informationsflüsse in Gesundheitsbeziehungen anders erhoben werden und hier setzt mein Argument an.

Bitte ja, unbedingt. Menschen, die einen Arzt aufsuchen, sollte weiterhin respektvoll begegnet werden. Auch ein Gespräch darf von Etikette geprägt sein, die beiden Gesprächspartnern gerecht wird und eine gute Zusammenarbeit ermöglicht, die das Vertrauensverhältnis nicht infrage stellt. Warum aber nicht die Umkehr wagen und den Patienten dazu ermuntern, sich anders mitzuteilen. Ärztinnen und Ärzte könnten die Anamnese konsequent auslagern und ihre Patienten einladen, sich zuvor schriftlich mitzuteilen. Eine Alternative zum digitalen Klemmbrett wäre, die Möglichkeit zu schaffen, eine Sprachnotiz einzureichen, die gleich transkribiert wird und so leichter auf Schlüsselwörter durchsucht werden kann. Manuell oder womöglich auch schon digital intelligent. Wer noch einen Schritt weitergeht, rät Patienten bei Terminvereinbarung mündlich und mit einer Kurznachricht, den vom Arzt empfohlenen Symptomchecker zu nutzen und das Ergebnis zum Termin mitzubringen. Die meisten Menschen dürften ihr Smartphone, auf dem diese Systeme laufen, die meiste Zeit bei sich tragen.

Der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin könnte darüber hinaus die einfache Regel aufstellen, dass er auf Basis des Ergebnisses weitere Fragen stellt und die Vereinbarung dürfte lauten, dass der Arzt das Gespräch beginnt. Damit kann zumindest selektiv ausgeschlossen werden, dass ein Patient sich aufgrund seiner Aufregung und Unwissenheit assoziativ gelockert mitteilt und die Logik, wie die Medizin zur Diagnose kommt, übersieht. Im Grund weiß er gar nicht, wie eine Diagnose gestellt wird. Nachdem der Patient die Fragen des Arztes beantwortet hat, ist der Patient dran und berichtet phänomenologisch, was gerade mit ihm passiert. Spätestens hier ist die Etikette des Arztes essenziell. Denn über den Punkt hinaus, wenn vorerst seine Fragen beantwortet wurden, heißt es, weiter zuhören und ausreden lassen. Dann übrigens sind die 26 Sekunden längst Geschichte.

Den anderen Ausreden lassen bleibt wichtig. Warum aber den kulturellen Zusammenstoß zweier Paradigmen als Streitthema zwischen Patient und Arzt ausmachen? Es ließe sich gemäß den Gepflogenheiten in einer vom medialen Paradigma durchzogenen Gesundheitsgesellschaft anders lösen. Natürlich verlangt das von beiden Seiten, dazu lernen zu wollen, Einsicht zu üben und bemüht bleiben, einen neuen Rhythmus in der Konversation durchzuhalten und stetig zu überprüfen, was noch verbessert werden kann. Ich bin sicher. Eine tradierte Arztpraxis wäre dann schon auf dem Weg zur selbstlernenden Smartpraxis, die nicht nur eine höhere Benutzerfreundlichkeit vorzuweisen hätte, sondern auch den medizinischen und patientenrelevanten Outcome verbessern kann.

Die Pointe

Eine Smartpraxis arbeitet dezentral mit medialen Szenarien, die auf eine bessere Versorgung einzahlen und verstrickt sich nicht in Streitigkeiten (»Clash«) zwischen zwei Gesundheitskulturen. Die Etikette zwischen Patient und Arzt wird von den Aktanten bestimmt, die eingesetzt werden, um gemeinsam, die beste Lösung (Therapie) zu finden. Das Smartphone als zusätzlicher Akteur spielt wahrscheinlich eine größere Rolle, als sich derzeit in Gesundheitsbeziehungen eingestanden wird. Warum also nicht hergehen und den Aktanten Smartphone einladen, sinnstiftend zu werden, wo es sich erlaubt? Zum Beispiel im Rahmen einer medial dezentralisierten Anamnese mithilfe eines Symptomcheckers, der es dem Arzt erlaubt, eine Umkehr des tradierten Gesprächsverlaufs zu arrangieren und gemeinsam mit dem Patienten am besten Ergebnis zu arbeiten.

Disclaimer: Dieser Beitrag erörtert keine abrechnungstechnischen Implikationen oder die Option, dass ein Patient aufgrund des Ergebnisses des Symptomcheckers der Arztpraxis fern bleibt, was wirtschaftliche Folgen haben kann. Andererseits können Symptomchecker dazu beitragen, dass die Überlastungssituationen in einer Arztpraxis durch die medial dezentralisierte Anamnese (Arbeitstitel) gelindert werden könnte. Hier wäre eine ordentliche Vergütung telefonischer oder videogestützter Konsultationen zwingend, um in Arbeitsteilung mit einem Symptomchecker das allgemeine Gesundheitsgeschehen zu modernisieren.

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