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Von wegen Hochstapler! Du leidest wahrscheinlich nicht an einem Imposter-Syndrom

Jeder Mensch kommt zur Welt, in dem er seinen Umgang mit gerechtfertigt für wahr gehaltenem Wissen aus vorliegenden Informationen in Ordnung hält.

Jeder Mensch kommt zur Welt, in dem er seinen Umgang mit gerechtfertigt für wahr gehaltenem Wissen aus vorliegenden Informationen in Ordnung hält.

Heute Vormittag habe ich einen Artikel auf XING über das Imposter-Syndrom gelesen, der sich als Ratgeber für Bewältigungsstrategien zeigen will. Ich habe direkt als XING-Insider geantwortet und möchte auch hier noch einmal pointiert sagen, was ich darüber denke.

Ich weiß noch, wie ich selbst von dem Imposter-Syndrom erfuhr und die Symptome als gefällig empfand, um mir kurz einzureden, das selbst zu haben. Das war natürlich Quatsch. Es passte einfach nur zu meiner damaligen Situation und es diente mir als Hinweis, dass nicht alle Gesundheitsinformationen im Netz projiziert übernommen werden sollten.

Denn auch, wenn ich sicher subjektiv an meiner ganz eigenen Form des Perfektionismus leide. Der Umgang mit dem Phänomen, sich selbst als Hochstapler zu fühlen, reicht tiefer und ist einfacher zu erklären, als man glaubt. Es liegt am aktiven Lebensstil von Wissensarbeitern in der überhitzten Mediengesellschaft. Kurz, an einem ungünstigen Umgang mit Informationen.

Eine Beschreibung zum Imposter-Syndrom?

Zunächst einmal zur Definition des sogenannten Imposter-Syndroms

Spektrum schreibt über das Imposter-Syndrom: Manche Menschen werden von extremen Selbstzweifeln geplagt. Anstatt ihre Erfolge auf ihr eigenes Können zurückzuführen, gehen sie davon aus, dass alles, was sie im Leben erreicht haben, nur dem Zufall geschuldet ist.

Seit rund zwei Jahrzehnten werden immer mehr Jobs von der Informationsvielfalt, die über das Internet distribuiert werden, eingeholt. Wissensarbeiter sind umgeben von einer Vielfalt von Informationen. Viele von uns sind sogenannte Scanner-Persönlichkeiten, was ein anderes psychologisches Phänomen sein kann, das viele aus mildem Verlauf kennen. Am liebsten möchte man jeder Information eine Bedeutung unterstellen. Warum wäre sie uns sonst erschienen? Das sich auftuende Dilemma lässt sich mit Sokrates erklären, der sagte:

Ich weiß, dass ich nicht weiß

  1. Übrigens, die geläufige Übersetzung von oîda ouk eidōs als „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ trifft nicht den Sinn der Aussage. Wörtlich übersetzt heißt der Spruch „Ich weiß als Nicht-Wissender“ respektive „Ich weiß, dass ich nicht weiß“. Das ergänzende „-s“ an „nicht“ ist ein Übersetzungsfehler. Quelle

Das Gefühl einer inflationären Tendenz im Umgang mit Informationen rechtfertigt sich durch eine immer stärker raumgreifende Vernetzung, die uns als Subjekt erreicht. Was wir als Vergrößerung von Weltreichweite empfinden, ist eigentlich eine Steigerung der Komplexität im kognitiven Empfinden.

Allein die Chancen, dem Imposter-Syndrom als Informationsangebot zu begegnen, ist heute um ein Vielfaches größer. An dieser Stelle ist Vorsicht geboten. Wer viel mit Informationen handelt, könnte auf die Idee kommen, sich mit der Liste an Symptomen zu vergleichen. Das tun übrigens auch Anhänger des Flat-Earth-Movement oder wer an Nachweise zur Existenz von Chemtrails glaubt, ist hier zu nennen. Ich möchte hier und heute jedoch bei dem ganz normalen Paradox des Wissens bleiben. Harari, Yuval Noah schreibt in Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen folgen Satz:

Je mehr Daten wir sammeln und je besser wir all diese Daten verarbeiten können, desto wilder und unerwarteter werden die Ereignisse. Je mehr wir wissen, desto weniger können wir vorhersagen. Folglich sind wir immer weniger in der Lage, die Gegenwart sinnvoll zu deuten oder die Zukunft vorherzusagen.

Die meisten Menschen können mit einem Strom an Informationen als kontingentes Geschehen gut umgehen. Sie ignorieren intuitiv das Meiste, das an Ihnen vorbeizieht. So wie Naturerscheinungen, von denen wir umgeben sind und die gerade an Deinem Bürofenster vorbeiziehen, ohne dass Du sie granular wahrnimmst. Auch, weil Du im Warmen hinter Fenstern sitzt. Menschen, die anders mit Informationen umgehen, sitzen womöglich nicht die ganze Zeit am Rechner, nutzen im Durchschnitt weniger ein digitales Endgerät, machen sich weniger Notizen und lassen sich im Rausch der Informationen mitreißen. Sie tun intuitiv das, was man als Fokus beschreibt. Fokus, der sich nicht als Imperativ oder Überlebensstrategie des Homo Oeconomicus verstehen will, sondern als menschliche Eigenschaft, Informationen mundgerecht für das individuelle Leben zu filtern.

Der Umgang mit dem Positiven

Noch einmal Spektrum: Aus der Überzeugung heraus, alles Positive, was ihnen widerfährt, nicht wirklich verdient zu haben, fühlen sich die Betroffenen in ihrer Rolle oft fehl am Platz und leiden unter permanenten Versagensängsten. Ihr negatives Selbstkonzept erschwert es ihnen, sich über Erfolge zu freuen oder Komplimente anzunehmen, und hemmt sie stark in ihrer persönlichen Entwicklung.

Meines Erachtens glauben viele Menschen, die als Scanner-Persönlichkeiten Wissensarbeit leisten, daran, am Imposter-Syndrom zu leiden. Begegnete man dem Phänomen zunächst in Schlagzeilen von Business Zeitschriften, trifft man mittlerweile auch persönlich Menschen, die glauben das zu haben. Eine falsch positive Diagnose. Das hängt zusammen mit durch andere Menschen selbst in Umlauf gebrachten positiven Bewertungen des anderen Äußeren.

Das reicht von Selfies in Social Media bis zur Pressemeldung über grandiose Erfolge, die Einzelne, eine Gruppe, ein Unternehmen oder eine Organisation errungen haben. In der normal ausbalancierten Wahrnehmung präsentiert sich uns die Welt häufig genug ganz anders. Eben normal. Wir erinnern uns an die Prognosen, dass in einer Mediengesellschaft jedem demokratisch die Möglichkeit der Teilhabe gegeben ist. Herausgeber der eigenen Informationen zu werden, ist heute leichter denn je. Die Folge ist, sich im Abgleich zu den vorliegenden Informationen selbst als minderwertiger zu erkennen. Eine Konditionierung aus Abwertung und Angriff auf den Selbstwert. Dem darf man konstruktiv begegnen.

Deshalb muss nicht jeder gleich an eine Verhaltenstherapie denken. Ich möchte mal folgende Perspektive anbieten und denke, es kann ein Ausweg sein, sich nicht im Imposter-Syndrom zu verrennen.

Das Stocken der Aufklärung überwinden

Ich rate in meinem Mentoring trotz affektivem Betroffensein, das Imposter-Syndrom nicht zu schnell als Diagnose anzuerkennen. Denn meines Erachtens stehen wir, die sich täglich von Informationen umgeben fühlen und damit aktiv umgehen, vor einem Dilemma, das ganz offensichtlich etwas mit dem Stocken der Aufklärung zu tun hat.

Hannah Arendt empfahl Ihre Vita Activa hauptsächlich aus der Erkenntnis heraus, dass das banale Böse aus der Starre eines hörigen Akzeptierens heraus entsteht. Wer heute eine Vita Activa lebt, tut dies in einer hochkomplexen Gesellschaft, die sich vorwiegend aus einem Geflecht an Informationen zusammensetzt. Die oben genannte Inflation an Informationen wird automatisch mit Bedeutungen angereichert. Wer konstruktiv mit Informationen arbeitet und damit konstruktiv und wertorientiert umgehen will, führt ein aktiv tätiges Leben. Aber auch eine Vita Activa kennt das Intuitive des Alltäglichen und ist nicht in jedem Augenblick aktiv, sich selbst bewusst in der Welt wiederzufinden. Wir würden uns permanent überfordern, wenn wir uns nicht auf das verlassen, was Daniel Kahneman intuitives Denken nannte.

Was das Imposter-Syndrom betrifft, konkurriert die anscheinend klare Diagnose mit dem binnendiffusen Gefühl, anders zu sein als das zu beobachtbare Andere. Die Anderen schlagen sich scheinbar mit instrumenteller Vernunft durchs Leben. Sie machen auch in Anbetracht eines zunehmenden Weltschmerzes einfach so weiter, wie immer. Sie nehmen vieles, das den Wissensarbeiter innerlich aufwühlt, nicht zur Kenntnis. Die Anderen sind auch nicht mehr nur ein analoges Umfeld mit 15 Minuten Nachrichten am Abend, sondern ein mit dem Aufstehen verbundener Strom an Implikationen, die aus dem Smartphone purzeln.

Angst anerkennen

Dieses affektive Betroffensein der Wissensarbeiter zeigt sich als Schmerz, weil das eigene progressive Verhalten sich unter einem Mantel der trickreichen Inszenierung vorgeschobener Zurückhaltung verstecken muss. Es ist schlicht eine Angst, jederzeit damit aufzufliegen, was aus einem ungesicherten Grund auf das Imposter-Syndrom verweisen kann, wenn man darüber stolpert.

Grundsätzlich weiß derjenige, dass er mehr weiß als andere. Sein Wissen zu nutzen, würde bedeuten, aktiver zu sein, als er gerade ist. Dabei ist der einzige Ausweg nicht nur die anarchistische Rebellion gegenüber dem normalen Gang der Dinge im Wesen eines gesammelten Wissens. Das Leben in der Wissensgesellschaft darf sich daran erinnern, die eintreffenden Informationen in selbst gesteckten Sinnfeldern zu sortieren. Wer sich seiner Gegenstandsbereiche bewusst ist, kann so besser entscheiden, was ihn zu interessieren hat und aus welchen Quellen er sich bedient. Noch besser lässt sich entscheiden, mit welchen Mitteln wir eine Vita Activa pflegen.

Jeder Mensch kommt zur Welt, in dem er seinen Umgang mit gerechtfertigt für wahr gehaltenem Wissen aus vorliegenden Informationen in Ordnung hält. Dazu zählt auch ein Gespür für Hygiene, woher man seine Informationen bezieht und wie man daraus erwachsendes Wissen einsetzt.

Das ist eine neue Aufgabe; wenn man so will, eine Tugend. Allerdings keine Tugend, die als Festung für Menschen gelten will, die sich im Mangel am Erkenntniswillen hinter Zugbrücken verschanzen. Der tugendhafte Umgang mit Informationen verweist auf die Liebe zur Wahrheit, dem leidenschaftlichen Umgang mit Informationen und einer heilsamen Sammelleidenschaft. Das macht subjektiv den Sinn des Lebens aus. So bewahren wir uns eine Vita Activa und der Mensch verzweifelt nicht mehr an der Aufklärung an sich.

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Die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel lässt die Gesundheitsbranche bedrohlich, unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen. Deshalb findet man Frank Stratmann im Netz unter dem Pseudonym betablogr.

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