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Das Unbehagen mit der Digitalisierung lässt uns falsch hoffen

Wir ducken uns weg, weil jemand eine plausible Erklärung anbietet, die uns häufig genügt, weil diese grässlichen Themen auf diese Art in eine Ordnung gebracht werden. Eine Ordnung, deren technologische Tiefe uns fremd erscheint und uns glauben lässt, sie gingen uns nicht unmittelbar etwas an.

Das Buch Der Mann ohne Eigenschaften beginnt mit der fein granular gehaltenen Beschreibung einer Residenzstadt an einem schönen Augusttag des Jahres 1913. Robert Musil beginnt seine Ausführungen aus einer Art Vogelperspektive und zoomt nach und nach an zwei Menschen heran. Heute würde man vielleicht eher den Vergleich mit einer Drohne ziehen. Er führt uns immer näher an eine Situation heran, die ihren vorläufigen Höhepunkt in einem Unfall zwischen Mensch und Maschine erfährt. Wie erwähnt sind wir im Jahr 1913. Automobile und kleinere Lastkraftwagen verdrängen in diesen Tagen Pferd, Kutsche und Gespann von den Straßen Wiens, wie dieses Video von 1906 eindrucksvoll zeigt.

Musil vertraut uns an, dass in diesem Wien zwei Menschen – Frau und Mann – eine breite, belebte Straße hinaufgehen und beobachten, dass eine Gruppe von Menschen sich wie Bienen um ein Flugloch angesetzt hatten; um einen kleinen Fleck, den sie in ihrer Mitte freiließen. Kurzum. Ein Lkw hatte einen Passanten erwischt, der seinerseits regungslos am Boden lag. Eindrucksvoll schildert Musil die Hilflosigkeit der Menschen, dem Mann zu helfen, den sie da einkreisen. Auch unsere Pärchen wagt einen Blick und dann kommt die Passage im Text, die mich einfach zu sehr an unsere heutige Zeit erinnert und mit der ich sie brutal ins hier und jetzt katapultieren möchte.

Die Dame fühlte etwas Unangenehmes in der Herz-Magengrube, das sie berechtigt war, für Mitleid zu halten; es war ein unentschlossenes, lähmendes Gefühl.

Das Mansplaining Ihres Partners klingt sachkundig und etwas zu klug für einen unerfahrenen Fußgänger. Er bemerkt, dass der Bremsweg dieser schweren Kraftwagen einfach zu lang sei. Auch im Gemurmel der Menschen um den Verunfallten hört Musil einen klaren Verweis auf die Eigenschuld des Verletzten. Und jetzt erreichen wir die wirklich faszinierende Stelle im Text:

Die Dame fühlte sich dadurch erleichtert und dankte mit einem aufmerksamen Blick. Sie hatte dieses Wort wohl schon manchmal gehört, aber sie wusste nicht, was ein Bremsweg sei und wollte es auch nicht wissen; es genügte ihr, dass damit dieser grässliche Vorfall in irgend eine Ordnung zu bringen war und zu einem technischen Problem wurde, das sie nicht mehr unmittelbar anging.

Häufig ducken wir uns vor dem Digitalen weg

Jetzt, wo der Leser dieses Blogs die Situation und das Gespräch der beiden vor Augen haben sollte, ersetzen wir sie gegen die Unfälle unserer Zeit. Zum Beispiel gegen die Missstände, die wir beim Versuch erkennen wollen, eine elektronische Patientenakte in das Gesundheitsgeschehen einzuführen. Auf der langen Bremsspur der Elektronischen Patientenakte misslingt das Vorhaben in der jetzigen Form auf ganzer Linie.

Wenn die von Robert Musil im Text beschrieben Straßen und Plätze von Wien das Gesundheitswesen wären und der Unfall mit einem Lkw die Einführung der Elektronischen Patientenakte, dann wäre die Reaktion der Dame wohl vergleichbar mit der Reaktion der meisten Akteure, die als Verkehrsteilnehmer im Gesundheitssystem die zahlreichen Unfälle mitansehen müssen, während andere versuchen, die Straße zu überqueren.

Nicht der Lkw, sondern der Bremsweg ist das eigentliche Problem. Nicht die elektronische Patientenakte, sondern damit einhergehende Komplexe wie Datenschutz und Datensicherheit sind das Problem. Es gäbe noch viel mehr Probleme, die stets im Auge des Betrachters liegen oder wie ich es gern formuliere, die jemandem in seinem Sinnfeld erscheinen.

Global gesehen entwickelt sich die datengestützte Medizin konsequent weiter. Wie die Lkw, die auch nach hundert Jahren nicht mehr von den Straßen zu verbannen wären. Wir ducken uns weg, weil jemand eine plausible Erklärung anbietet, die uns häufig genügt, weil diese grässlichen Themen auf diese Art in eine Ordnung gebracht werden. Eine Ordnung, deren technologische Tiefe uns fremd erscheint und uns glauben lässt, sie gingen uns nicht unmittelbar etwas an.

Neuer Ordnungsrahmen für das Gesundheitsgeschehen

Sie alle kennen Metaphern, die sich die Situationen auf heutigen Straßen der Welt zunutze machen, um die Prozesse einer digitalen Transformation erklären zu wollen. Alle diese Vergleiche hinken. Ich erlaube mir die Szene aus Der Mann ohne Eigenschaften nur deshalb zu gebrauchen, um vor allem die Reaktion der Dame herauszuarbeiten. Eine plausible Reaktion, die sich mit menschlichem Verhalten allzu einfach erklären lässt. In einer zunehmend komplexeren Welt, die absehbar eher komplexer wird als einfacher, braucht es den intensiven Prozess der Auseinandersetzung mit Themen, die normalerweise eine Ordnung erfahren, mit denen unser eigentliches Sein bisher nichts zu tun hatte. Das ist gut zu beobachten, wenn man wie ich mit Ärztinnen und Ärzten zusammenarbeitet, die sich aufmachen, um die eigene Zukunftsfähigkeit nicht dem Zufall zu überlassen. Datengestützte Medizin, die Implikationen einer Systembiologie oder schlicht der Einfluss auf die infrastrukturellen Zusammenhang auf Gesundheitseinrichtung und das Rollenbild des Arztberufes müssen verstanden werden. Die Arztpraxis im Sinne einer Smartpraxis zu einer selbstlernenden Organisation weiterzuentwickeln, setzt den alten Ordnungsrahmen auf den Prüfstand. Doch diese alte Ordnung wird zwingend. So, wie sich die Dame auf dem Wiener Boulevard trotz ihrer Reaktion zwingend mit dem anwachsenden Verkehr in Wien auseinanderzusetzen gehabt hätte.

Wir können nicht einfach weitergehen, wie die Passanten auf den Straßen von Wien, die den Eindruck gewannen, dass sich ein gesetzlich und ordnungsmäßiges Ereignis vollzogen hatte. Mit der Hoffnung, der Verletzte habe wohl überlebt, ging man seines Weges. Hoffnung ist in Fragen der eigenen Zukunftsfähigkeit jedoch vergleichbar mit einer Illusion, der wir anhaften. Das Gesundheitsgeschehen wird sich weiterentwickeln.

Wir sehen gerade eindrucksvoll: Wenn wir hoffen, es möge nicht so schlimm werden, führt uns das, satt und verwöhnt wie wir sind, häufig an den falschen Ort.

In komplexen Zeiten wie diesen gilt

Lernen in fremdem Terrain gehört heute einfach dazu. Erst das Verstehen veranlasst die dringliche Einsicht, etwas verändern zu müssen und den nötigen Enthusiasmus aufzubringen, um individuell geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die die eigene Zukunft betreffen. Das gilt besonders für Vorgänge, die sich unserer Vorstellung durch mangelnde Anschauung entziehen.

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Die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel lässt die Gesundheitsbranche bedrohlich, unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen. Deshalb findet man Frank Stratmann im Netz unter dem Pseudonym betablogr.

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