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Systemisch vermutetes Beharrungsvakuum des Gesundheitswesens

Es ist dramatisch. Im Gesundheitswesen leiden wir unter einer besonderen Form ausgeprägter Vieltuerei, deren Ursache und Wirkung uns ins Verderben treiben wird.

Wenn ich in diesem Kompendium meine Beobachtung teile, dass ich zunehmend den Eindruck gewinne, dass die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung die Gesundheitsbranche bedrohlich unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen lässt, stelle ich nur fest, dass das Internet die Gesundheitsakteure stört. Dieser Störung begegnen einige Gesundheitsakteure nach wie vor mit Trotz und einem Beharrungsvermögen, das ohne Beispiel bleibt.

Seit fast zwei Jahrzehnten beschäftigen mich die Beharrungskräfte, die sich der Transformation in Richtung eines digitalen Gesundheitsgeschehens in den Weg zu stellen scheinen. Natürlich geht es etwas voran. Allerdings äußerst schwerfällig, was nicht nur meiner Ungeduld geschuldet sein dürfte. Im internationalen Vergleich haben wir bereits Probleme durch Rückstand. Doch ich will nicht wehklagen, sondern Ihnen – wie schon länger versprochen – immer mal wieder die Spuren im Sand zeigen, die ich während meiner phänomenologischen Forschungsreise durch die Gesundheitswirtschaft finde. Heute beim Frühstück während des Streifzugs durch Twitter stolpere ich über diesen Tweet:

In einer Zeit, in der die Gesellschaft über eine mutmaßlich weiter steigende Komplexität ächzt und das Gesundheitssystem mit so vielen Dingen überfordert scheint, beschreibt der eingeblendete Tweet sehr anschaulich, womit sich das Gesundheitswesen seit Jahrzehnten eigentlich beschäftigt. Mit sich selbst.

Den Tweet und den dahinter liegenden Inhalt verstehen zu wollen, ist nicht mein Job. Mir begegnet der Hinweis auf den Entwurf Nachtrag zur Umsetzung der B-BEP-Abschlagsvereinbarung und Kennzeichnung von Verlegungen nach § 3 Abs. 6 FPV zur Fortschreibung der § 301-Vereinbarung eher phänomenologisch; darf ich doch unterstellen, dass wahrscheinlich sogar das Durchdringen des Entwurfs selbst für einen Experten des Fachs, derart komplex aus dem Ruder laufen kann, dass sich dieser Sachverständige womöglich entschließt, das dort Niedergeschriebene lediglich oberflächlich zur Kenntnis zu nehmen.

Die Überwindung des tradierten Gesundheitswesens inklusive seiner entfremdeten Rituale rund um die eigene Finanzierbarkeit erinnern mich immer stärker an die Herausforderungen der Klimakrise.

Was tun wir da?

Was ich hier erkenne, ist die oben angedeutete Selbstbeschäftigung vor dem Grad einer Komplexität, der man auch mit einem Design Thinking Workshop nicht mehr begegnen können wird. Wenn ich den Tweet auf mich wirken lassen, entsteht in mir die Lust der vollständigen Zerschlagung des Gesundheitssystems, deren Folgen ich aber nicht allein verantworten wollte. Apropos Verantwortung. Haben sich die Menschen, die verantwortungstechnisch in diesem Komplex gefangen scheinen, mal gefragt, was sie da eigentlich tun? Die Verantwortung, die ich hier meine, hängt ja augenscheinlich mit der Finanzierbarkeit von Gesundheit im Allgemeinen zusammen und der Entwurf bezieht sich auf das einzelne Granulat einer hochverdichteten Komplexität. Und womöglich glauben die Menschen, die sich um diese Aspekte bemühen (müssen), dass sie Experte sind für etwas, das aus meiner Sicht nur eines erzeugt. Weitere Komplexität als Vakuum. Ich bin gern in der anderen Richtung unterwegs, ohne mir nachsagen zu lassen, dass ich die Dinge derart vereinfachen wollte, dass sie eine totalitäre Grundierung annähmen.

Gelegentlich sitze ich einer Gruppe Manager aus Krankenhäusern gegenüber und ich wiederhole folgendes gern in meinen Workshops und Vorträgen. Das hiesige Gesundheitssystem teilt sein Schicksal mit vielen anderen, internationalen Gesundheitssystemen. Einem komplexen Problemsystem kann nur mit einem komplexen Lösungssystem begegnet werden, will man die Dynamiken einigermaßen verstehen und mit halbwegs sicherer Wahrscheinlichkeit bestimmte Effekte erzielen. Ashby’s Law lässt grüßen. Kurz gesagt. Das Gesundheitssystem wird sich nicht über den Faktor der intrinsischen Motivation erneuern, sondern bedarf eines externen Ansatzes, sich selbst zu überwinden. Denn der Text des Tweets oben und das Ritual, das zum Entwurf führt, zeigen, wie Ursache und Wirkung sich als infiniter Regress um eine Sache zu drehen scheinen. Die hat mit den Menschen, die das Gesundheitssystem benötigen, kaum mehr etwas zu tun.

Ursache und Wirkung

Wir haben sehr offensichtlich völlig aus den Augen verloren, was Ursache und Wirkung tatsächlich bedeuten. Für die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) ist dieser und andere Entwürfe zur Komplexität des Gesundheitswesens wahrscheinlich völlig normaler Alltag im Verband. Wie weit entfernt und entfremdet das auf die Menschen wirken würde, die ein Krankenhaus um Hilfe bitten, muss ich nicht näher erläutern. Klar. Komplexität muss gemanagt werden. Oder vielleicht doch eher umgebaut? Das wäre dann kompliziert und damit lege ich den Finger in die Wunde.

Wir pflegen die Komplexität, weil wir das Komplizierte scheuen.

Erkenntnisse zum Prinzip Ursache und Wirkung sind so alt, wie der bewusste Mensch selbst darüber nachdenkt. Was im Buddhismus als Karma beschrieben wird, kann z. B. dem Dhammapada des Siddhartha Gautama entnommen werden. Das wurde schon 383 v. Chr. verschriftlicht. Dort steht:

Was immer ein Mensch tut, die Konsequenzen werden ihm bis in die fernsten Weltgegenden folgen. Es gibt keinen Ort, weder im Himmel noch auf Erden, an dem die Resultate unserer Taten keine Früchte tragen werden.

Zugegeben. Das klingt für den Alltag rund um die Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens möglicherweise nicht so griffig und wo überhaupt sind die Weltgegenden, in die der Beauftragende und die Verfasser des Entwurfs verfolgt würden? Zudem ist Karma nicht nur auf negative Auswirkungen abonniert, sondern auch andersherum aus das Gute. Deshalb halte ich diese Stelle für besser.

Alle, die noch in der Vorstellung leben, das menschliche Handeln an der Front folge in der modernen Arbeitswelt der Ursache-Wirkungskette und könne als einzige taugliche Begründung für das Resultat betrachtet werden, müssen sich den Vorwurf der sozialromantischen, industriell geprägten Träumerei gefallen lassen.

Diese Zeilen, die ich dem Text Unsere Vorstellung davon, wie es zu unerwünschten Ereignissen kommt, bei denen der Mensch die Hand im Spiel hat, braucht dringend ein Update!, weisen aus meine Sicht auf folgenden Umstand hin, folge ich dem Gedanken des Blogposts von Martin Wyler. Ursache und Wirkung passieren auf derart granuliertem Niveau systemischer Zusammenhänge, sodass davon niemals ein Potenzial für Veränderung grundsätzlicher Strukturen des Gesundheitsgeschehens ausgehen kann.

Ich gehe noch weiter. Wer noch an Ursache und Wirkung im anachronistischen Sinne glaubt und sich dem Zufälligen eines kreativen Prozesses entzieht, die Netzökonomie negiert, Strukturalismus vorzieht und glaubt, damit Probleme lösen zu können, wird sein Ziel verfehlen und sich schon bald mit einer neuen Weltperspektive konfrontiert sehen. Das Gesundheitswesen, wie wir es heute kennen, wird dann infrage gestellt; nicht umgebaut. Es wird transformiert. Aber eben nicht aus sich selbst heraus.

Dieses und andere Granulate (aller Aufwand um den Entwurf) umgeben uns wie Nebel und alle Wasserträger, die diese Tröpfe kreisen lassen, sehen nicht weiter als ein paar Quanten um sich herum. Genauso ist das alles zu beobachten, wenn wir auf den Versuch starren, medizinische Daten verfügbar zu machen. Jetzt will ich meine Metapher nicht überstrapazieren und weiß natürlich, dass ein Atom in sich stabil sein kann. Es täte uns aber gut, wenn ein wenig mehr Dynamik erkennbar würde. Und wenn sich nur ein Elektron hin und wieder verirren würde. Mit freundlichem Verweis auf das Periodensystem der chemischen Elemente. Ein wenig mehr Radium und weniger Platin bitte.

Fazit

Das unerwünschte Ergebnis, das ich mit der heute besprochenen Überlegung erkenne, ist eine Katastrophe der Beharrung, die gar keine Kraft entfaltet, sondern ein Vakuum hinterlässt. Beharrungskräfte unter Gesundheitsakteuren, die Ihr System beschützen wollen, werden immer noch vermutet, weil sich mal laut und mal leise Trotz zeigt, wenn Entwicklungen hereinbrechen, die temporär überfordern. Auch der Begriff Risiko wird dann oft bemüht, um eine Zukunft zu verhindern, die man nicht will. Räuberpistole folgt auf Räuberpistole. Tatsächlich geht es hier aber gar nicht um einen Kampf und um Kräfte, die Pfründe sichern sollen und das System in seiner Form beschützen würden.

Es ist dramatischer. Im Gesundheitswesen leiden wir unter einer besonderen Form ausgeprägter Vieltuerei, deren Ursache und Wirkung uns ins Verderben treiben wird.

Dabei bräuchten wir Emergenz im Zusammenhandeln aller am Gesundheitsgeschehen Beteiligten, um die wichtigen Zukunftsfragen zu klären. Die Menschen, die eine medizinisch veranlasste Begegnung suchen, wissen nichts von alledem. Sie ahnen höchstens etwas und weil das Gesundheitswesen als System auch gesundheitspolitisch kommunikativ an sein Ende gelangt ist, wird es eines Tages unter der Last des eigenen Vakuums zusammenbrechen. Nicht als Supernova oder schwarzes Loch. Das wäre zu spektakulär. Wir erleben einen Verfall und mit dem Auftauchen extrinsisch motivierter Lösungen wird sich das beschleunigen. Welche Lösungen das sein können, darüber berichtet dieses Kompendium. Demnächst wieder.

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Die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel lässt die Gesundheitsbranche bedrohlich, unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen. Deshalb findet man Frank Stratmann im Netz unter dem Pseudonym betablogr.

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