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Neues Digitalisierungsgesetz erweitert Funktion von Videosprechstunden

Videosprechstunde wird zum zentralen Baustein des allgemeinen Gesundheitsgeschehens ausgebaut. Erweitert sich die Videosprechstunde in dieser Form hinsichtlich ihrer Nützlichkeit, würde das ein seit Jahrzehnten einstudiertes Muster für den Besuch beim Arzt nicht gleich auf den Kopf stellen. Und doch ergeben sich einige Fragen.

Aus einem Eckpunktepapier des Bundesgesundheitsministeriums, das mir persönlich vorliegt, geht hervor, dass die Videosprechstunde zum zentralen Baustein des Einfachere Erkrankungen, denen die Menschen mit ausreichender Gesundheitskompetenz selbstverantwortlich oder in Abstimmung mit ihrem Hausarzt, auch unter Berücksichtigung digitaler Gesundheitsanwendungen (DIGA) begegnen.allgemeinen Gesundheitsgeschehens ausgebaut werden soll.

Ärztinnen und Ärzten soll es möglich werden, nach einer Videosprechstunde direkt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen zu dürfen.

Der G-BA soll beauftragt werden, die Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung im Rahmen der ausschließlichen Fernbehandlung zu ermöglichen. Der Vorschlag umfasst auch, dass ein Patient zuvor nicht in der Praxis gewesen sein muss, also sogar als Neupatient Anspruch auf eine Krankschreibung nach Erstkontakt zu einem Arzt hat. Wie weit hier das Recht des Einzelnen gehen wird, also ein Rechtsanspruch auf Videosprechstunde, nach Erstkontakt mit dem Anlass eine AU-Bescheinigung zu erhalten, ist derzeit noch unklar.

Neues Digitalisierungsgesetz

Diese Regelungen zur Videosprechstunde sind eingebettet in ein weiteres geplantes Digitalisierungsgesetz, das diesmal auch die Pandemie in den Blick nimmt.

Als Argument für eine ausschließlich Videosprechstunde wurde stets angeführt, dass vor allem mutmaßliche also noch ungeklärte Infektionskrankheiten nicht den Weg über das Wartezimmer einer Arztpraxis nehmen müssten. Wird die Videosprechstunde konsequent von Ärzten angeboten, würde das Wartezimmer auch für einfache Infekte und vor allem für vulnerable Gruppen nicht zum Hotspot oder Superdpreading-Event.

Die Videosprechstunde wäre also eine Lösung, das allgemeine Gesundheitsgeschehen zu dezentralisieren. Doch viele Ärzte scheuen aus unterschiedlichen Gründen deren konsequente Integration. Erst mit der Pandemie verzeichneten zertifizierte Anbieter von Videosprechstunden einen Ansturm auf ihre Lösungen. Schon im März 2020 berichtete das Ärzteblatt über einen Schub für Lösungen der Fernbehandlung.

Arztpraxis der Zukunft hat es schwer

Außerhalb der oft weit entwickelten, teils digitalen und engmaschig durch Hersteller betreuten Medizintechnik in den Arztpraxen, hat es die Videosprechstunde nach wie vor schwer. Selbst, wenn jetzt während der Pandemie punktuell Angebote der Fernbehandlung ausgebaut wurden; die meisten Arzttermine finden nach wie vor klassisch statt.

Die grundsätzliche Zurückhaltung bei der Videosprechstunde liegt zum einen an den technischen Voraussetzungen in den Arztpraxen. Dazu kommen fehlende IT-Kompetenzen vor Ort und eine wenig ausgeprägte Medienkompetenz. Die Gestaltung einer Gesundheitsbeziehung zwischen Patient und Arzt über das Mediale löst zudem Befürchtungen aus, die Güte eine Behandlung könnte leiden. Alles das ist den Ärzten nicht vorzuwerfen.

Denn Ärzte stehen in der Verantwortung, Fehlentscheidungen nicht nur zu rechtfertigen, wenn sie passieren. Unerkannte Erkrankungen wirken sich unmittelbar auf die wirtschaftliche Resilienz einer Praxis aus und womöglich wird der gute Ruf, also die über Jahre aufgebaute Reputation einer Praxis mit einem einzigen Kunstfehler beschädigt.

Ein noch unerkannter Punkt ist die strategische Orientierung einer Arztpraxis. Diese Kompetenz, den Veränderungen der Verhältnisse gestaltend zu begegnen, ist oft wenig ausgeprägt. Dem Wandel aktiv etwas Kreatives entgegenzustellen, beginnt sicher nicht mit der Integration einer Videosprechstunde. Sie dient aber als gutes Beispiel, die Fähigkeit, das eigene Wertangebot einer Praxis (medizinische Leistungsbereitschaft), die Beziehungsqualität zu Patienten und überhaupt die Frage, welche Patientenprofile passen zu mir, hinterfragen zu können. Jede Ärztin und jeder Arzt wünscht sich passende Patientinnen oder Patienten.

Um die richtigen Entscheidungen zu treffen, müssen die neuen Bedingungen bestmöglich verstanden werden und um das am Beispiel der Videosprechstunde zu erläutern. Geeignete Maßnahmen zur Einführung einer neuen Behandlungsdynamik müssen zu nächst verstanden und dann individuell entwickelt werden. Nur so kann die Integration einer Videosprechstunde gewährleistet werden. Hierzu müsste sich eine Praxis selbst ermächtigen und geeignete Methoden nutzen, die bislang schlicht nicht zur Kultur einer Arztpraxis gehören.

Patienten bleiben weg

Während der Pandemie mussten viele Ärzte neu verstehen, dass die Menschen bislang oft gar nicht wegen medizinischer Beratungsanlässe die Praxis aufsuchten. Das Event, dem medizinischen Souverän zu begegnen erschien vielen nicht mehr so wichtig.

Die ärztliche Leistungsbereitschaft wurde mit Einführung der telefonischen Krankschreibung auf die Probe gestellt. Denn Patientinnen und Patienten nahmen dieses neue Angebot sehr dankend an. Das Arbeitsrecht sieht eine Krankschreibung vor und die stellt hierzulande wie anderswo eben ein Arzt aus. Diesen vorgegebenen Weg kürzten viele mit einem Anruf ab.

Es geht also vielen Patientinnen und Patienten vor allem darum, sich selbst rechtlich abzusichern. Eine Erkältung oder andere leichtere Erkrankungen des allgemeinen Gesundheitsgeschehens handhaben viele Menschen bereits selbst im Rahmen ihres Alltags. Natürlich kann das einem Arzt nicht gefallen. Einerseits wegen mangelnder Inanspruchnahme seiner Leistung, aber auch im Sinne der erweiterten Verantwortung, die Ärzte von anderen Dienstleistern unterscheidet.

Derzeit ist die telefonische Krankschreibung aufgrund steigender Fallzahlen bei Neuinfektionen mit SARS-2 wieder möglich. Für einen befristeten Zeitraum. Mit dem Eckpunktepapier würde dieser Beratungsanlass dann zur Regel. Kaum zu glauben, dass im kommenden Jahr ein geregelter Praxisbetrieb möglich wird. Die Pandemie hat uns sicher auch 2021 fest im Griff. Und das trotz eines möglicherweise früh eintreffenden Impfstoffs.

Videosprechstunde als Teil der Regelversorgung

Erweitert sich die Videosprechstunde in dieser Form hinsichtlich ihrer Nützlichkeit, würde das ein seit Jahrzehnten einstudiertes Muster für den Besuch beim Arzt nicht gleich auf den Kopf stellen. Bequemlichkeit setzt sich jedoch in vielen Lebenskontexten durch. Und so wird sich auch die Begegnung zwischen Patient und Arzt verändern. Nicht über Nacht und nicht mit einem weiteren Digitalisierungsgesetz. Doch es wird Zeit, sich den Bedürfnissen der Menschen zuzuwenden.

Deshalb sollte das Gesetz in seiner Ausgestaltung auch die Eigenverantwortung der Menschen berücksichtigen. Wer das Angebot einer schnellen Krankschreibung über eine Videosprechstunde nutzt, muss die Risiken mittragen.

Ärztinnen und Ärzte müssen sicher gehen können, dass sie nicht wegen einer unerkannten Lungenentzündung, die sich unter dem augenscheinlichen Männerschnupfen verbirgt, zur Rechenschaft gezogen werden können. Ethisch klingt das zunächst fragwürdig. Doch derlei Kompromisse werden heute schon durch eine Vielzahl unübersichtlicher Angebot an gesundheitsbezogenen Zusatzleistungen am frei verfügbaren Markt begünstigt.

Außerdem ist damit zu rechnen, dass sich Ärztinnen und Ärzte auf diese Form der Leistungserbringung konzentrieren. Ja, man will fast schon sagen, spezialisieren. Eine neue Arbeitsteilung könnten sich ergeben, wenn sich Ärzte auf die reine Ausstellung von Krankschreibungen festlegen.

Es wäre daher nur konsequent, wenn die Videosprechstunde von dem Verdacht freigesprochen würde, sie ersetze die physische Begegnung zwischen Ratsuchendem und medizinischem Profi. Und doch, das möchte ich hier noch einmal ausdrücklich betonen. Wir brauchen die Videosprechstunde.

Mit der Videosprechstunde bietet sich die Chance, gesellschaftlich gesehen die Gesundheitsbeziehung zwischen Patienten und Ärzten in ihrem destruktiven Ablauf zu transformieren. Wenn nicht als Disruption, dann doch als Prozess, der mittelfristig die Wartezimmer von einem Großteil des allgemeinen Gesundheitsgeschehens befreien könnte. Das Gesundheitssystem sollte die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigen und einen möglichst einfachen Zugang zur allgemeinen Gesundheitsversorgung ermöglichen. Auch im speziellen Gesundheitsgeschehen, also in Krankenhäusern und Kliniken, wäre die Videosprechstunde ein Segen. Prä und post stationär spielt sie allerdings noch gar keine Rolle.

Doch Bequemlichkeit ist nicht alles. Ich plädiere dafür, die Progression von Gesundheitskompetenz bei wichtigen Patientinnen und Patienten, also die Förderung der Wissensbildung rund um einfache und chronische Erkrankungen in der Vergütung zu berücksichtigen. So würde auch die Videosprechstunde nicht zu einem Ort verkommen, in dem nur ein arbeitsrechtlicher Akt vollzogen wird. Der sprechenden Medizin könnte mehr Raum gegeben werden. Auch über ein mediales Bewegtbildszenario.

Das würde Ärzten und Patienten gerecht. Und zwar im Anspruch eine hochwertig wechselseitige und doch manchmal auch bequemere Gesundheitsversorgung gemeinsam zu gestalten.

Das BMG plant, die Telemedizin weiter auszubauen.

  • Videosprechstunde soll unter anderem mit dem Ziel, die Möglichkeiten der Abrechnung und Vergütung telemedizinischer Leistungen auch während sprechstundenfreien Zeiten eingeräumt werden; mit anteiliger Anrechnung auf die Praxiszeiten.
  • Der G-BA erhält den Auftrag, dass die eAU nach ausschließlicher telemedizinischer Behandlung ausgestellt werden kann.
  • Die Videosprechstunde wird für weitere Gesundheitsberufe geöffnet. Zum Beispiel Hebammen und Heilmittelerbringern.

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